Afrikanisches Viertel: Streit bei Straßenumbenennung

Ein Schmierenstück kolonialer Vergangenheitsbewältigung

2016_Straßenumbenennung 1Die Anwohner des Afrikanischen Viertels im Wedding reiben sich erstaunt die Augen. Sie lesen nämlich bei der CDU-geführten Initiative „Pro Afrikanisches Viertel“ (PAV), sie wolle hier erneut Straßennamen „umbenennen, ohne sie umzubenennen“.

Warum dieses? Im Afrikanischen Viertel gibt es einen jahrelangen Streit um die Überwindung des kolonialistischen Erbes, das sich immer noch in Straßen- oder Platznamen wie Lüderitzstraße oder Nachtigalplatz spiegelt. Denn Lüderitz war keineswegs bloß „Afrikaforscher“, wie es häufig heißt, sondern ließ mit illegalen Mitteln im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika Land nehmen, um es zur deutschen Kolonie zu machen. Und Nachtigal wurde mit dem Auftrag nach Westafrika geschickt, dort alle noch nicht besetzten Gebiete, die für den deutschen Handel interessant schienen, mit Hilfe der Reichsmarine unter deutsches Protektorat zu stellen. Die extremen Verletzungen der Menschenwürde durch die kolonialen Akteure sind eigentlich genügend Anlass, diese Berliner Stadtviertel endlich zu eindeutigen Lernorten gegen Rassismus zu machen.

Aber nicht so für die CDU: Sie stellte in der Bezirksverordnetenversammlung den Antrag, „Umwidmungen von belasteten Straßennamen unter Beibehaltung ihrer Ursprungsnamen“ zu beschließen, die Straßen also tatsächlich umzubenennen, ohne sie umzubenennen. „Die Umwidmung des Gedenkens greift die bewährte Vorgehensweise(!) aus dem Jahre 1986 bezüglich der Petersallee auf“, so Fraktionschef Thorsten Reschke. Denn 1986 wurde diese Straße umgewidmet und nach dem CDU-Mitglied Hans Peters benannt;  während des Faschismus war sie ab 1939 Carl Peters gewidmet worden, der wegen seiner grausamen Justiz gegenüber Menschen schwarzer Hautfarbe auch „Hänge-Peters“ genannt wurde.

Die CDU klebte trotzdem so sehr an der Beibehaltung der ursprünglichen Namen, dass sie 2011 die Beibehaltung sogar zur Bedingung der Zählgemeinschaft mit der SPD machte!

Die Linke, die Grünen und inzwischen auch die SPD sind allerdings für die eindeutige Umbenennung. Das bedeutet, dass die CDU mit ihrem neuen Antrag völlig isoliert dasteht. Auch gegenüber der Bevölkerung. Denn im Afrikanischen Viertel leben schließlich auch viele Afrikaner. Seit Jahren schon werden besonders seitens dieser Community z.B. mehr Informationstafeln im Viertel gefordert. Es geht jedoch – wenn überhaupt – nur mühsam voran. (von Rainer Scholz)

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